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The Atlas Group (1989-2004). A Project by Walid Raad

 

The Atlas Group (1989-2004). A Project by Walid Raad

 

The Atlas Group (1989-2004). A Project by Walid Raad

 

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The Atlas Group (1989-2004). A Project by Walid Raad

 

 

The Atlas Group (1989-2004). Ein Projekt von Walid Raad
Von Kassandra Nakas |  September 2006

Die Atlas Group existiert seit 1999, und durch Beteiligungen an internationalen Großausstellungen wie der Documenta 11 oder der Whitney Biennale 2002 sind einige ihrer Arbeiten einem breitem Publikum bekannt geworden. Walid Raad (geb. 1967 in Chbanieh/Libanon), der das Projekt ins Leben rief, schuf in wechselnden Konstellationen innerhalb des Kollektivs Atlas Group einen Komplex an Arbeiten, die in abstrahierend-reduktiver Ästhetik vielschichtige Fragestellungen zu Themen wie Erfahrung und Erinnerung, Authentizität und Autorschaft, sowie der Darstellbarkeit von Geschichte aufwerfen.

Die Ausstellung "The Atlas Group (1989-2004). A Project by Walid Raad" in der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin zeigt nun den bislang umfangreichsten Überblick über dieses Projekt.[1] Die Jahreszahlen im Ausstellungstitel signalisieren eine zeitliche Abgeschlossenheit, die – wie generell alle faktischen Angaben im Kontext der Atlas Group – nicht absolut zu verstehen, sondern vielmehr in Zweifel zu ziehen ist. Indem sich die Atlas Group zum Ziel gesetzt hat, Gegenwart und Geschichte des Libanon, vor allem die Jahre des libanesischen Bürgerkriegs (1975-1990/91), zu dokumentieren und zu erforschen, thematisiert sie immer auch das Fortwirken all jener individuellen und kollektiven Erfahrungen, aus denen sich Geschichte erst konstituiert.[2] Im von der Atlas Group errichteten Archiv sind dabei nicht nur gefundene, sondern auch eigens geschaffene fotografische, audiovisuelle und schriftliche 'Dokumente' des libanesischen Alltags zusammengetragen.[3]

Aus dem Konvolut der Fotografien präsentiert die Berliner Ausstellung eine Auswahl von acht Serien, die durch fünf Videoarbeiten ergänzt werden. Alle diese 'Dokumente' werden von Archiveinträgen begleitet, die vermeintlich Aufschluss darüber geben, von wem sie stammen, wie sie entstanden und wie sie in den Besitz des Archivs übergingen.[4] So gelangten etwa Notizbücher, Fotografien und 8-mm-Filme aus dem Nachlass des (fiktiven) libanesischen Historikers Dr. Fadl Fakouri in das Archiv. Der Film "Miraculous beginnings" entstand auf Dr. Fakhouris Streifzügen durch Beirut. Immer, wenn er den Bürgerkrieg für beendet hielt, machte er eine Aufnahme. Angesichts der langen, von zahlreichen Waffenstillständen und immer neu aufflammenden Kämpfen zwischen Armeen und Milizen gekennzeichneten Geschichte des libanesischen Bürgerkriegs zeugt der Film somit von der anhaltenden Hoffnung auf Frieden und Normalität, und vom Willen, diesen hoffnungsvollen Moment im Wissen um seine Vergänglichkeit bildlich festzuhalten. Auf ähnlich abstrakte Weise vermittelt der Film "No, illness is neither here nor there" ein Gefühl vom gewaltgeprägten Kriegsalltag, zeigt er doch in schnellem Schnitt eine Unmenge von Reklameschildern von Chirurgen, Psychiatern, Orthopäden – zu Kriegszeiten offensichtlich florierenden Branchen.

Während die meisten Archivalien scheinbar privaten Charakters sind, stammen die 100 Schwarzweißfotografien der Serie "My neck is thinner than a hair: Engines" aus Beiruter Dokumentationszentren. Sie zeigen die aus den Fahrzeugen herausgeschleuderten Motoren von Autos, die bekanntermaßen im Bürgerkrieg zu Waffen umfunktioniert wurden. Nach den Detonationen der Autobomben blieben allein die Motoren als ganze, sichtbare Überreste zurück – isolierte (und damit abstrakte) Zeugnisse ungeheurer Explosionen. Gewalt und Schrecken werden somit, wenngleich sich fast alle Bild- und Textmaterialien im Atlas Group Archiv auf die Zeit des Bürgerkriegs konzentrieren, nie explizit dargestellt, sondern sind stets 'abwesend' – und dennoch als den Alltag zutiefst prägende Realität gegenwärtig. Die Auswirkungen der alltäglichen, an sich unvorstellbaren Grausamkeiten des Bürgerkriegs werden nicht zuletzt reflektiert in seltsam verkehrten, 'pervertierten' Verhaltensweisen, wie etwa dem "Wettlauf" der Kriegsjournalisten, wer von ihnen nach den Detonationen der Autobomben die Hunderte Meter entfernt geschleuderten Motoren als Erster zu finden und fotografieren vermag, den der Begleittext zur Arbeit beschreibt.

Von ähnlich verdrehten Wahrnehmungs- und Darstellungsmustern zeugt eine weitere Fotoarbeit aus dem "Fakhouri File". "Notebook volume 72: Missing Lebanese wars" schildert die sonntäglichen Ausflüge libanesischer Historiker unterschiedlicher Konfessionen und politischer Überzeugungen auf die Pferderennbahn. Dort wetten sie jedoch nicht auf das siegreiche Pferd, sondern auf die zeitliche Differenz zwischen Zieleinlauf des Siegerpferds und der Aufnahme dieses Moments durch den Rennbahnfotografen. Wettsieger ist, wer den zeitlichen Abstand, die 'Verfehlung' des Fotografen, am präzisesten voraussagt. Indem diese Arbeit den Berufsstand des Historikers – eines 'Experten' für die Festschreibung und Darstellung von Geschichte – in den Mittelpunkt rückt und die Aussagekraft des fotografischen Bildes, seine Manipulierbarkeit durch die Historiker (die den Fotografen teilweise bestechen!) thematisiert, und schließlich indem sie im Titel die verschiedenen Implikationen von "missing" anklingen lässt – "Verfehlung", "Fehlen", aber auch "Sehnen nach" – kann diese Arbeit wohl als ein Schlüsselwerk der Atlas Group verstanden werden.

In dem Video "Hostage: The Bachar Tapes (#17 and #31)_English version" wird explizit auf die politische Zeitgeschichte Bezug genommen. Im Mittelpunkt steht hier die (fiktive) libanesische Geisel Souheil Bachar. Bachar schildert drei Monate gemeinsamer Beiruter Geiselhaft mit fünf Amerikanern, deren Gefangenschaft und Freilassung Mitte der 1980er Jahre teilweise im Zusammenhang mit hochrangigen politischen Ereignissen wie der Iran-Contra-Affäre stand. Sind ihre Geschichten durch die westliche Berichterstattung und ihre eigenen, nach der Haft verfassten Bücher hinlänglich bekannt geworden, so stellt "Hostage" seinerseits den Versuch dar, den "blinden Fleck" einer westlich dominierten medialen Repräsentation aufzuzeigen.[5] In der Serie "We decided to let them say, 'we are convinced,' twice." wird der Ausstellungsbesucher schließlich mit Bildern der israelischen Invasion in Beirut aus dem Jahr 1982 konfrontiert. Vor fünf Jahren übergab Walid Raad diese, seine eigenen, Fotografien aus seiner Jugendzeit dem Archiv. Es sind Aufnahmen, die eine erschreckende Ähnlichkeit mit der jüngsten Berichterstattung aus seiner Heimat haben, und die in dieser Gleichartigkeit weniger von der Wiederkehr der Geschichte, als vielmehr von ihrem beständigen Fortwirken erzählen.

Anmerkungen:

  1. Zur Ausstellung erschien der Katalog "The Atlas Group (1989-2004). A Project by Walid Raad". Ausst.-Kat. Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin 2006. Hg. von Kassandra Nakas und Britta Schmitz. Köln 2006.
  2. Im Sinne eines fortlaufenden Projekts gibt die Atlas Group Bücher zum Bestand des Archivs heraus; bislang erschienen: The Atlas Group and Walid Raad: The Truth Will Be Known When The Last Witness Is Dead. Documents from the Fakhouri File in the Atlas Group Archive. Bd. I. Köln 2004; The Atlas Group and Walid Raad: My Neck Is Thinner Than A Hair. Documents from the Atlas Group Archive. Bd. II. Köln 2005; siehe auch die Website der Atlas Group: www.theatlasgroup.org
  3. Walid Raad ist außerdem Mitglied der 1996 in Beirut gegründeten Fondation Arabe pour l’image (FAI), die fotografische Zeugnisse aus der arabischen Welt sammelt und ausstellt; vgl. www.fai.org.lb. In seinem fiktiven Charakter stellt das Atlas Group Archiv eine Art Gegenarchiv zur FAI dar.
  4. Diese begleitenden Informationen bilden die Grundlage für die Performances, die Walid Raad in Form von "Lectures" veranstaltet; vgl. hierzu den Beitrag von André Lepecki in: "The Atlas Group (1989-2004). A Project by Walid Raad" (wie Anm. 1), S. 33-37.
  5. Vgl. hierzu Regina Göckede: Zweifelhafte Dokumente. Zeitgenössische arabische Kunst, Walid Raad und die Frage der Re-Präsentation. In: Regina Göckede, Alexandra Karentzos (Hg.): Der Orient, die Fremde. Positionen zeitgenössischer Kunst und Literatur. Bielefeld 2006, S. 185-203.


Kassandra Nakas
Lebt als Kunsthistorikerin, Autorin und Kuratorin in Berlin. Hat zusammen mit Britta Schmitz die Ausstellung "The Atlas Group (1989-2004). A Project by Walid Raad" kuratiert, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Berlin.


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The Atlas Group (1989-2004). Ein Projekt von Walid Raad

22. September 2006 - 7. Januar 2007

Hamburger Bahnhof
Museum für Gegenwart - Berlin

Invalidenstr. 50-51
10557 Berlin
Deutschland
Website / Email

Kuratorinnen:
Kassandra Nakas und Britta Schmitz

Katalog:
Reich bebildert, vier Essays (deu/eng), hrsg. von Kassandra Nakas und Britta Schmitz.
Köln 2006
Preis: 20 Euro
ISBN: 3-88609-535-5

Walid Raad
* 1967 Chbanieh, Libanon. Lebt in Beirut, Libanon, und New York, USA.
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Siehe auch:

Fondation Arabe pour l'Image
Die Stiftung in Beirut und deren umfangreiches Archiv für Fotografie vor allem aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Von Antonia Carver.

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