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Adel Abdessemed und sein "God is Design"
Von Abdellah Karroum |  Januar 2007

Die Ausstellung "God is design" in L’appartement 22 besteht aus lediglich einem Kunstwerk gleichen Namens – einer Videoprojektion im Hauptraum. Der Zugang zu L’appartement 22 erfolgt über einen Flur, wo der Besucher den Veranstaltungstitel lesen kann. Am Ort der Videoprojektion kann das Publikum in den Büchern des Künstlers nachblättern ("Question nary", "The green book", "Global"...). Der Videoton ist absichtlich sehr laut, um die Umgebungsgeräusche zu übertönen. Tatsächlich befindet sich der Ausstellungsraum mitten im Zentrum von Rabat, direkt gegenüber dem Parlament, wo sich regelmäßig Demonstranten versammeln, Parolen schwenken und Rechte einfordern oder gegen den Krieg oder die eine oder andere marokkanische oder internationale politische Maßnahme protestieren.

"God is design" ist ein gut vier Minuten (4:08) langes Animationsvideo, komponiert aus schwarzweißen Zeichnungen ornamentaler Motive, die die Symbole der drei großen monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) aufgreifen und mit Symbolen aus schematischen Darstellungen der menschlichen Zelle zusammenbringen. Sie winden sich zum Rhythmus berauschender Musik umeinander und drängen vorwärts zu einer klangvollen Halluzination. Das Video entstand 2005, wenige Jahre, nachdem der Künstler aufgrund der "unerträglichen" Atmosphäre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 New York verlassen hatte. Da sich eine große Mehrheit der Amerikaner die Verallgemeinerung zu Eigen gemacht hatte, alle Araber, Muslime und Menschen aus dem Nahen Osten seien potenzielle Top-Terroristen, fühlte er sich in dieser Stadt unerwünscht.

Anlässlich eines Treffens in Paris spricht Abdessemed nicht nur über Kunst, sondern äußert sich auch besorgt zu weltweiten Problemen: "Im Jahr 2050 werden wir neun Milliarden sein, bereiten Sie sich darauf vor, mein Freund", wirft er ein.

Wenn der Künstler ein Werk plant, zielt er nicht auf ein bestimmtes Publikum ab, sondern teilt seine Erfahrungen, bringt seine Vision und seine Vorstellung von der Welt zum Ausdruck. Vom schwarzen Hintergrund, auf den der Künstler die Wechselbeziehungen zwischen seinen Arbeiten projiziert, bis hin zum utopischen Bauprojekt eines Raums für Meinungsfreiheit in Jerusalem scheint sich "Dazibao" (2006) in die vermittelnde Raumzeit der Ausstellung zu erstrecken und erhellt oder verschleiert dabei etwaige Spuren, die die Herangehensweise des Künstlerphilosophen hinterlassen haben mag. Die schwarze Wand, die der Künstler für das verflochtene Netzwerk seiner Ausstellungen verwendet, erlaubt uns, die Wechselbeziehungen zwischen den Arbeiten zu visualisieren und sie in einen philosophischen Zusammenhang zu stellen. Aus dieser dunklen und geheimnisvollen Zone gehen Werke aus Feuer und Erde wie auch andere immaterielle Vergegenwärtigungen hervor. Den Schlüssel zum Verständnis von Abdessemeds Werk hält derjenige in Händen, der seinen Blick von formeller Voreingenommenheit befreit. Kunst ist ein Erlebnis, das nur verwischte Spuren hinterlässt.

Die von Abel Abdessemed in seinem Film "God is design" angewandte Methode folgt zwar dem Prinzip des Flechtwerkmusters, wurde jedoch durch die Anwendung kritischer Philosophie weiterentwickelt. Der Künstler ahnt die Zukunft der Welt voraus und experimentiert mit "Nuclear Poetry" (Kernlyrik), in der die verklärten Symbole der drei monotheistischen Religionen mit Darstellungen menschlicher Körperzellen in Verbindung gebracht werden. Der Soundtrack des Videos, eine Auftragskomposition der Künstlerin Silvia Ocougne, ist eine poetische Kollision musikalischer Phrasen, die die unzähligen Möglichkeiten einer zufälligen Begegnung bewusst macht.

Das Vorgehen des Künstlers in diesem Video beruht auf der Verknüpfung von Bezügen und findet sich bereits in "MohammedKarlPolpot" (1999), einer der emblematischen Arbeiten Abdessemeds, in der er einen multiplen Daseinszustand einfordert, die Möglichkeit der Mobilität gepaart mit einem wachen Blick auf den Zustand der Welt und ihrer verbindenden Elemente.

Adel Abdessemed verließ Algerien 1994 aus politischen Gründen. "Wenn man in der Heimat weder Ruhe noch Frieden findet, muss man woanders hingehen, ansonsten bedeutet es den Tod für die Seele. Es ist unbedingt notwendig zu handeln, zu kämpfen und schöpferisch tätig zu sein, wenn man die Welt verändern will." Abdessemed ist ein fordernder und großzügiger Künstler. Er findet die Themen für seine Werke in seiner eigenen Exilgeschichte und in seinem Verhältnis zur Welt. Indem er Tabus und Verbote antastet, handelt er auch "gegen Gesetze und Moralbegriffe" die einzig und allein dem Zweck dienen, das Leben einzuschränken. Orte des Lebens und des Vergnügens (Straße, Badezimmer, Bar...) bergen künstlerisches Potenzial. Seit seiner Rückkehr nach Paris hat Abdessemed sein Atelier in der Rue Lemercier. Er ließ sich sechs Wildschweine an diese Adresse liefern, "The seven brothers" (Die sieben Brüder, 2006), das siebte war weggelaufen. Auf dem gleichen Pflaster fraß eine Katze eine Ratte und ermöglichte so das Video "Birth of love" (Geburt der Liebe, 2006).

Abdessemed ist ein engagierter Künstler, der bis an die Grenzen des Legalen und Illegalen geht, um "Barrieren zu durchbrechen". Moral ist ein "sensibler Bereich", mit dem der Künstler und der Philosoph gleichermaßen in Berührung kommen. Somit ist Exil ein kulturelles Phänomen.

Abdessemed schafft ein Universum, das mythologische Bezüge beinhaltet und verwendet Technologie, wodurch er die Religion vollständig von ihren kulturellen Ursprüngen befreit. Grundsätzlich ist der Mensch ein Nomade, es liegt in seiner Natur, künstliche Grenzen einzureißen. Das Werk behandelt außerdem die Überwindung von Tabus und den erdrückenden Konventionen, die in totalitären und abgeschlossenen Systemen herrschen, an denen es dem politischen und restriktiven Erbe unserer Gesellschaften nicht mangelt.

Abdessemed ist ein internationaler und vielseitiger Künstler, heldenhaft wie Odysseus. Jedes einzelne seiner Werke ist eine Resolution, eine ästhetische Erfahrung und gleichzeitig eine politische Äußerung.


Abdellah Karroum
Unabhängiger Kurator und Kunstkritiker. Gründer/Direktor von L'appartement 22 in Rabat, Marokko. Lebt dort und in Paris, Frankreich.


(Aus dem Englischen: Frank Süßdorf)


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4 Bildseiten

God is Design. 2005
Video, 4' 08''

L'appartement 22
Rabat, Marokko
8. Aug. - 20. Okt. 2006
Kurator: A. Karroum

Adel Abdessemed
* 1971 Constantine, Algerien. Lebt in Paris, Frankreich, und New York, USA.
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Siehe auch:

L'appartement 22
Artikel über den unabhängigen Kunstraum in Rabat, Marokko.

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