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Mohammed Kazem

 

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Mohammed Kazem
Werkgruppen: Autobiographie, Richtungen, Fenster
Von Ebtisam AbdulAziz |  August 2007

Mohammed Kazem dringt mit seinem Schaffen zur ureigenen Natur der Dinge vor. Er unterhält enge Beziehungen zu seiner Umwelt, ist mit den Elementen und Bestandteilen seines Umfelds in Verbindung und bezieht deren Wesenszüge in sein Werk ein. Er ist ein neugieriger Beobachter von Veränderungsprozessen, reflektiert und denkt tiefgründig bis er die Rätsel entschlüsselt hat, die sich in Ereignissen und Verhaltensweise verbergen.

Zusammen mit der Gruppe der Fünf (Hassan Sharif, Hussain Sharif, Abdullah Al Saadi, Mohammed Ahmed Ibrahim, Mohammed Kazem) gehört Kazem zu den ersten Künstlern der Region, die sich einem konzeptuellen Ansatz zuwandten. In diesen Breiten ist er einer der Pioniere der Einbeziehung von Video und neuen Technologien in das künstlerische Schaffen. Leidenschaftlich fördert er neue Talente und gibt Workshops, um jüngere Künstler aus- und weiterzubilden, ihren Horizont zu erweitern und sie in ihrem kreativen Prozess zu bestärken.

In diesem Artikel geht es um drei seiner wichtigsten Werkgruppen, die ein weites Spektrum seines Anliegens und seiner künstlerischen Arbeitsweise repräsentieren: Autobiographie, Richtungen, und Fenster.

Autobiographie

Unter dem Titel "Autobiographie" fasst Mohammed Kazem über Jahre hinweg entstandene Werke zusammen, in denen er sich um eine komplexe Analyse psychologischer und sozialer Aspekte seines persönlichen Lebensweges bemüht. Er erinnert sich an Vergangenes und antizipiert Kommendes in einer Weise, die aktuelle Veränderungen erfasst, wozu ihm immer wieder andere Materialien und Elemente dienen. Kazem stellt das, was er beobachtet, in einen künstlerischen Kontext und benutzt dafür einfache Mittel und tägliche Abläufe, mit denen er seine intellektuellen und sozialen Interessen zum Ausdruck bringt.

In diesen und anderen, der Body Art verbundenen Arbeiten setzt Kazem vielfältige Gesten und Körperbewegungen als künstlerische Elemente ein. Damit verkörpert er seine Biographie als einen sozialen Diskurs, der sich durch sehr private Aktionen und Vorgänge artikuliert. Er stellt eine Interaktion zwischen seinem Alltagsleben und seiner Kunst her. Unter dem Titel "Autobiographie" präsentierte er 1996 ein Regal mit sechs Fächern, das genauso groß ist wie er selbst. Auf den Böden und an den Innenwänden eines jeden Fachs kleben Fotos des Künstlers, der die Bewegungen von Betrachtern imitiert, die sich dabei verrenken, ebendiese Fotos an diesem Ort anzuschauen. In "Autobiographie 1994" erkundet Kazem mit seiner Zunge ein Schlüsselloch, einen Wasserkessel, einen Wasserschlauch, eine Flasche und die Öffnungen anderer Gegenstände.

Die bekannteste Fotoserie dieser Werkgruppe ist "Autobiographie 4" von 1997, denn Aufnahmen daraus erschienen im Jahr 2003 als zentrale Werbemotive auf dem Plakat, dem Katalog und anderen Drucksachen der 6. Sharjah Biennale. Auf den mehr als 40 Fotos steht Mohammed Kazem neben Fahnen und schaut in die Landschaft, wobei er dem Betrachter immer den Rücken zuwendet und ihn damit an seinem eigenen kontemplativen Blick teilhaben lässt. Die völlig neutralen, improvisierten Fahnen markieren eine Zone urbaner Entwicklung in Al Mamzar, einem bis dahin kaum bebauten Gebiet, das sich vom Emirat Sharjah bis ins benachbarte Dubai erstreckt. Auf einem Teil der Bilder erscheint die Landschaft noch geradezu unberührt, auf anderen Fotos sieht man bereits im Bau befindliche Straßen und Häuserblöcke oder die Skyline schon fertiger Stadtviertel. Kazem meinte, er wolle die Betrachter an das Auftauchen der ersten Fahnen in der leeren Landschaft erinnern und ihnen bewusst machen, wie schnell der Prozess der Urbanisierung vonstatten geht und wie sich dadurch der eigene Lebensbereich verändert. Dabei will er explizit auch zum Nachdenken über die Konsequenzen für die natürliche Umwelt anregen.

In der Installation "Autobiographie Nr. 9" von 1998 kombiniert Kazem Sandhaufen mit Holzstücken und Steinen unterschiedlicher Herkunft. Er mischt Hölzer aus ihm bekannten und von ihm dokumentierten Orten mit anderen, von denen er nicht weiß, woher sie stammen und bringt das Bekannte und das Unbekannte zusammen, ohne dass sich die Betrachter dessen gewahr werden.

Richtungen

Mohammed Kazem spielt mit akribisch genauen Zahlen. Er macht präzise Angaben zu Entfernungen, Flächen, Erhöhungen und gibt die Positionen und Bewegungsrichtungen von Objekten an. In seinen Arbeiten mit dem Titel "Richtungen" setzt er die exakt mit Hilfe eines Satelliten-Navigationssystems (GPS - Global Positioning System) ermittelten Koordinaten verschiedener Orte ein. Die Zahlen aus Plastik füllt er mit Erde und Steinen verschiedener geographischer Herkunft auf und präsentiert so eine Installation, in der GPS-Koordinaten und Höhenangaben durch eine Uhrzeit und ein Datum ergänzt sind. Kazem geht es dabei um den Gedanken, dass nichts unverrückbar ist, weil die Zeit unaufhörlich vergeht und sich die Position in Bewegung befindlicher Objekte laufend ändert.

In der Sharjah Biennale 2003 zeigte Kazem eine Videoinstallation. Er hatte Holzbretter mit geographischen Koordinaten darauf von einem Boot aus ins Meer geworfen und dem Wind und der Strömung überlassen, was eine Metapher dafür ist, dass Menschen und Dinge über die Grenzen ihres ursprünglichen Ortes hinausgehen können. Mit seiner künstlerischen Aktion bezieht er sich sowohl auf die natürliche Umwelt wie auf die Gesellschaft und rebelliert gegen physische, politische und räumliche Barrieren.

Als diese Arbeit 2006 bei der Singapur Biennale gezeigt wurde, hatte Kazem sie zu einem runden Raum modifiziert, der leider nur als Modell präsentiert werden konnte. Eine 360 Grad umspannende Videoprojektion an den Wänden soll den in der Mitte stehenden Besuchern den Eindruck vermitteln, als wenn sie sich anstelle des schwimmenden Holzstücks auf dem Meer befänden. Dabei stehen sie auf leuchtenden geographischen Koordinaten, die sich permanent ändern. Zeit und Raum befinden sich in einem Stadium des ständigen Wandels.

Fenster

Ein anderes umfangreiches Projekt, an dem Mohammed Kazem von 2003 bis 2005 arbeitete, hat den Titel "Fenster". Darin bekräftigt der Künstler sein Gefühl des "Dazugehörens". Vermittels dieses Fensters war er in der Lage, seine Identität zu definieren und seine Zugehörigkeit auszudrücken. Ihm zufolge gehört man nicht einem Stamm, einer Region, einer Nation, einer Religion an, sondern der Menschheit an sich, und er verleiht in diesem Werk der Ausprägung einer solchen allgemein menschlichen Zugehörigkeit in jedem von uns Ausdruck.

Der wichtigste Aspekt dieses Werkes ist, wie es sich von einer ursprünglich individuellen Konstellation löst und Gültigkeit für ein großes Publikum und eine ganze Gesellschaft erlangt. Mohammed Kazem bemühte sich darum, die Betrachter und die sie umgebenden Ereignisse in einen Zustand emotionaler und bewusstseinsmäßiger Verunsicherung zu versetzen. Er schockiert den Betrachter, indem er ihn mit Widersprüchen konfrontiert: die enormen Möglichkeiten, die sich durch die moderne Technologie eröffnet haben, im Kontrast zum großen Elend, dass sie gleichzeitig mit sich brachte. Die Idee kam dem Künstler als er aus dem Fenster seiner Wohnung schaute, so wie er das für gewöhnlich tut. Nichts stand seinem Blick in den blauen Himmel im Wege außer gelegentlichen Wolken, doch eines Tages erhoben sich die Umrisse des Gebäudes, das ihn zu diesem Werk inspirierte. Und so entstand der erste Teil dieser Arbeit: die Fotoserie der Skyline, mit der die Geschichte erzählt wird. In verschiedenen Momenten machte er Aufnahmen, um den langsamen Wandel der Szenerie zu zeigen. Aber der Betrachter kann das ganze Bild nicht sehen; Mohammed verdeckt einen Teil der Szene, und die Bilder sind aus einer anderen Perspektive aufgenommen als der seinen. Die Geschichte fügt sicht erst am Ende der Fotoserie zusammen.

Der zweite Teil des Werkes ist ein Videofilm vom Gebäude. Damit bringt Mohammed Kazem ein menschliches Element ein. In der Zeit als er das Haus aufnahm, erlaubte ihm der Besitzer nicht, das Innere des Raumes zu fotografieren, der seinem Fenster gegenüber liegt. So musste er sich auf Bilder von außen beschränken, und dabei richtete sich seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes, das ihn wütend machte. Es gab eine Hierarchie, eine Befehlskette, die mit dem Besitzer begann, sich über den Manager fortsetzte und letztlich bei den Arbeitern endete, die das Haus erbauten. Diese Arbeiter sind einer harschen Behandlung und Diskriminierung ausgesetzt und gelten als Bürger zweiter Klasse und müssen mit der unvermeidlichen sozialen Kluft zwischen Arm und Reich zurechtkommen. Ein anderes Problem ist, dass an dem Tag, an dem der Bau fertiggestellt war und das Hotel eröffnet wurde, die Arbeiter selbst, die jedes Detail des Hauses kennen, nicht zur Einweihung eingeladen wurden und wahrscheinlich nie die Chance haben, hier einer Nacht zu verbringen oder auch nur essen zu gehen. Es ist der Sieg einer Klasse über die andere, ein Kastensystem, das ärgerlich und deprimierend ist.

Ein weiterer Teil des Werkes ist ein in der Zeitung Al Khaleej veröffentlichter Artikel über einen Arbeiter in China, der wegen einem Liebesbrief, den er an seine Freundin geschrieben hatte, entlassen wurde. Die Bedeutung dieses Artikels über eine Begebenheit in China, veröffentlicht in einer Zeitung in unserem Lebensbereich, besteht darin, dass die Lage der Arbeiter hier dieselbe ist, wie die des armen Chinesen, der gefeuert wurde. Die Medien haben eine Wirkung erlangt, wie das Gebäude, und die Realität ist unentwirrbar. Die Lage des Arbeiters in dem Artikel ist dieselbe, wie die derjenigen, die nicht zur Einweihung eingeladen waren, und das ist die allgemeine Situation der Menschheit. Mohammed Kazem präsentierte das Werk mit einem Hauch von Ironie, indem er mit den Widersprüchen zwischen dem Anspruch der modernen Welt und dem realen Leben spielte. Er wendet sich gegen alle, die Menschen erniedrigen und sie selbstsüchtig ausbeuten. In seinem Schaffen beschäftigt sich Kazem aus seiner einzigartigen Perspektive auf seine ureigene Weise immer wieder mit Themen, in denen es um den Kampf gegen Unterdrückung geht, um die Notwendigkeit, die Barrieren zwischen den Völkern der Welt niederzureißen, um Klassenkonflikte und Probleme der Umwelt.


Ebtisam AbdulAziz
Künstlerin, lebt in Sharjah. 2004-2005, Mitglied des Herausgeberkomitees von "Al Tashkeel", der Zeitschrft der Emirates Fine Arts Society. Schreibt regelmäßig Kunstrezensionen für verschiedene Publikationen.


(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)


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Mohammed Kazem
* 1969 Dubai, Vereinigte Arabische Emirate; lebt dort.
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Siehe auch:

Eine neue Generation aufbauen
Mohammed Kazem und Khalil Abdulwahid im Gespräch mit Gerhard Haupt & Pat Binder.

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