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Über die Politik von Kunst und Raum in Beirut
Von Kaelen Wilson-Goldie |  August 2009

Im Laufe der Geschichte hat Beirut episodenhafte Perioden der Gewalt und chronische politische Instabilität erlitten. Die Struktur des libanesischen Staates ist schwach, und wegen der Fortdauer interner und externer Konflikte sowie einer Fülle an dringenden Problemen (eine sich um 25% bewegende Arbeitslosigkeit, 43 Milliarden Dollar Staatsverschuldung, der Kampf um die Bereitstellung elementarer Dienstleistungen, der Widerstand und seine Bewaffnung, Verdrängung der Bevölkerung, durch den Krieg verursachte Wiederaufbaukosten) neigt die Regierung dazu, kulturelle Aktivitäten auf ihrer Prioritätenliste weit unten zu führen. Gegenwärtig hat die Stadt weder ein Museum moderner Kunst noch ein Institut für zeitgenössische Kunst aufzuweisen. Eine öffentliche Förderung der Künste ist unerheblich bis nicht existent. Es ist zwar ein skelettartiges System kommerzieller Galerien vorhanden, aber es gibt zu wenig Sammler, um einen funktionsfähigen lokalen Markt entstehen zu lassen, insbesondere für als schwierig erachtete Medien wie Fotografie, Video und Installation.

Nichtsdestotrotz ist Beirut das Zuhause einer der aktivsten und dynamischsten zeitgenössischen Kunstszenen der Region. Die Antriebskraft dieser Szene sind sich selbst organisierende Künstlerkollektive und unabhängige, nicht-kommerzielle Assoziationen, die im letzten Jahrzehnt eine alternative Infrastruktur für die Produktion und das Ausstellen sowie das Dokumentieren und Archivieren zeitgenössischer Kunstpraxis aufgebaut haben. Dazu gehören u.a. Ashkal Alwan (die libanesische Vereinigung der bildenden Künste, die das Home Works Forum und seit kürzerem auch Video Works veranstaltet), Beirut DC (ein Filmkollektiv, das Ayam Beirut al-Cinemaiyya betreibt, ein alle zwei Jahre stattfindendes Festival des unabhängigen arabischen Films), die Arab Image Foundation (eine Organisation für das Sammeln und Bewahren des fotografischen Erbes der Region, die auch ein kreatives Laboratorium für die als Mitglieder eingeschriebenen Künstler und Kuratoren ist), Né à Beyrouth (organisiert ein jährliches Festival des libanesischen Films) und das 98 Weeks Research Project (98 Wochen Forschungsprojekt - ein Kuratorenkollektiv, das Workshops und Symposien ausrichtet).

Die zeitgenössische Kunstszene in Beirut hat sich zu einer Zeit herausgebildet, in der ähnliche unabhängige, alternative Szenen in Städten wie Kairo, Alexandria, Istanbul und Amman entstanden sind. Auf Grund der allgemeinen Globalisierung der Kunstwelt und des seit dem 11. September 2001 besonders stark gestiegenen Interesses für die Kunst des Nahen und Mittleren Ostens hatten Künstler, Kuratoren und Kunstvermittler, die in der Region tätig sind, mehr Gelegenheiten, ihre Erfahrungen und Ressourcen zu teilen und zusammenzuarbeiten, sei es in Gruppenausstellungen, bei Festivals und Konferenzen in anderen Teilen der Welt oder durch gemeinsame Projekte in der Region wie etwa die Aufenthaltsprogramme, an denen das zeitgenössische Kunstzentrum Platform Garanti in Istanbul, Ashkal Alwan in Beirut und die Townhouse Gallery für zeitgenössische Kunst in Kairo beteiligt sind. Das Entstehen großer, von den Regierungen finanzierter Kunstprojekte am Golf - in Abu Dhabi, Dubai und Doha - hat die Bereitschaft zur Kooperation und die Solidarität unter den in der Kunst Aktiven auch in anderen Städten des Nahen und Mittleren Ostens erhöht.

Aber während es in solchen Städten möglich ist, die physischen Orte künstlerischer Aktivität und kritischer Vitalität genau zu lokalisieren - das alte Gebäude von Platform Garanti in der Fußgängerzone der Istiklal Straße in Istanbul, die Ausbreitung der Räume von Townhouse inmitten von Autowerkstätten in zentraler Lage Kairos, die Villen aus dem frühen 20. Jahrhundert, in denen das Contemporary Image Collective in Kairo oder das Alexandria Contemporary Arts Forum in Alexandria untergebracht sind, das fantastische Grundstück von Darat al-Funun und das nahe gelegene Makan House in Amman -, ist es weitaus schwieriger, die Orte auszumachen, an denen sich die Kunstszene von Beirut manifestiert. Darin unterscheidet sich Beirut.

Ashkal Alwan, Beirut DC, die Arab Image Foundation, Né à Beyrouth, 98 Weeks - alle diese Organisationen haben kleine Büros, aber keine von ihnen verfügt über Räume für Ausstellungen, Performances oder Vorführungen von Videos und Filmen, die das ganze Jahr funktionieren würden und offen für das Publikum wären. Im Gegensatz zu anderen Städten - wo man zum Beispiel einfach zu Townhouse gehen könnte, um eine Ausstellung zu sehen, Zeit in der Bibliothek zu verbringen, einen Vortrag zu hören oder Bücher im Laden zu kaufen -, muss man sich in Beirut vorher anmelden, um die verschiedenen Organisationen besuchen zu können. Wenn sie etwas für ein Publikum machen wollen, also wenn eine Veranstaltung stattfinden oder eine neue Arbeit vorgestellt werden soll, müssen diese Organisationen dafür geeignete Räumlichkeiten mieten oder sich leihen. Zu den am meisten für Präsentationen zeitgenössischer Kunst genutzten Orten gehören Masrah al-Madina (ein ehemaliges, aufgegebenes Kino an der Hamra Straße, das in ein Theater umgewandelt wurde), das Sofil Zentrum (ein funktionierendes Kino, das einen oder beide Säle an lokale Filmfestivals vermietet), die Galerie Sfeir-Semler (eine 2005 eröffnete, 1.000 Quadratmeter große kommerzielle Galerie) und das tropfenförmige Gebäude am Märtyrer-Platz im Zentrum von Beirut, das als das Ei, die Blase oder die Kuppel bekannt ist und unter der Obhut von Solidere steht, der Immobiliengesellschaft, die für die urbane Erneuerung des Stadtzentrums zuständig ist.

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb Kunstorganisationen keine eigenen Räume betreiben. Einer sind die hohen Kosten für Immobilien (trotz der globalen Finanzkrise und des Zusammenbruchs der Märkte überall sonst, steigen die Immobilienpreise in Beirut weiterhin an). Ein weiterer ist die Komplexität von Grundstücksangelegenheiten, Eigentumsrechten und Erbschaftsgesetzen (oftmals sind die Unterschriften einer verwirrend großen Zahl an Erben erforderlich, um einen Raum zu mieten oder zu kaufen, und Streitigkeiten unter diesen sind üblich). Ein weiterer, noch diffuserer Grund ist, dass eine langfristige Planung verlangt wird, um einen Raum mieten oder kaufen und dann betreiben, finanzieren und mit Leben erfüllen zu können, was demzufolge ein Luxus ist, den sich nur wenige Organisationen in der zeitgenössischen Kunstszene jemals leisten konnten.

Anzumerken ist, dass sich die Raumsituation in Beirut verändert. Im Januar 2009 wurde das Beirut Art Center (BAC) in einer früheren Möbelfabrik am östlichen Rand der Stadt eröffnet. Das BAC richtet regelmäßig Ausstellungen sowie solche wöchentlichen Veranstaltungen wie Screenings, Diskussionen, Performances und Vorträge aus. In der oberen Etage befindet sich eine Mediathek, die ein Archiv zeitgenössischer Kunst der Region aufzuweisen hat. Zum BAC, das nicht-kommerziell ist und von einer aus Künstlern, Designern, Kuratoren und Philanthropen bestehenden Geschäftsführung betrieben wird, gehören auch ein Buchladen, eine Bibliothek, ein Designgeschäft und ein Café. Ashkal Alwan will 2010 einen ständigen Sitz eröffnen, wo es eine Kunstschule, Räume für Ausstellungen und Performances, ein Kino und Künstlerateliers geben soll. Und das Kulturministerium plant für 2013 in Beirut die Eröffnung eines Zentrums für die visuellen und darstellenden Künste, genannt Haus der Künste und Kultur. Das Projekt basiert auf einer Schenkung des Sultanats von Oman in Höhe von 20 Millionen US-Dollar. Im März 2009 gewann der italienische Architekt Alberto Catalano einen internationalen Wettbewerb für den Entwurf des Gebäudes. Allerdings hat das Haus der Künste und Kultur bis jetzt (August 2009) keinen Direktor, keinen Beirat, kein Budget und kein Programm. Es existiert innerhalb des Kulturministeriums nicht einmal als Rechtsträger. In der Kunstszene gibt es erhebliche Skepsis, ob das Projekt jemals zustande kommen wird, und starke Bedenken, wie und für wen es funktionieren soll.

Obwohl man geneigt sein könnte, die Schaffung von Kunsträumen als einen Ausdruck wachsender Stabilität des Landes zu werten, ist die Situation des Libanon in letzter Zeit alles andere als stabil gewesen. In den Jahren vor der Eröffnung des Beirut Art Center wurde z.B. ein Premierminister durch die Explosion einer Autobombe getötet, und eine Serie gezielter Tötungen und scheinbar zufälliger Explosionen folgte darauf; öffentliche Demonstrationen brachten eine Regierung zu Fall und die syrischen Truppen dazu, sich zurückzuziehen; nachdem die Hisbollah bei einem grenzüberschreitenden Überfall israelische Soldaten entführt hatte, gab es einen dreiunddreißigtägigen Krieg mit Israel; den ganzen Sommer 2007 flackerten Kämpfe zwischen militanten Islamisten und der libanesischen Armee auf; weitere Demonstrationen und ein Zeltlager der Opposition paralysierten das Parlament und den Zentrumsbezirk; und 2008 brachen in Beirut Straßenkämpfe aus und breiteten sich aus (bis in Doha eine Übereinkunft ausgehandelt wurde).

Angesichts dieser Entwicklungen und Kontexte stellt sich die Frage, inwieweit das Fehlen von Räumen die Szene zeitgenössischer Kunst in Beirut behindert oder gestärkt hat. Einerseits kann man argumentieren, dass das Fehlen von Räumen die langfristige Entwicklung und strukturelle Nachhaltigkeit von Kunstorganisationen gehemmt hat. Das bedeutet, das Erreichen eines nicht näher bekannten Publikums ist limitiert und die Möglichkeit kultureller Veranstaltungsorte, als Zentrum für eine Gemeinschaft zu funktionieren, ist nicht gegeben (eine solche Rolle versuchten zwei Organisationen - Zico House, Umam Dokumentation und Forschung - dadurch zu spielen, dass sie sich mehr auf Entwicklungsarbeit als auf Kunst fokussierten). Eine jede Kunstorganisation in Beirut hat zwar ein Publikum, aber kann es ohne entsprechende Räumlichkeiten dahingehend wachsen, dass Leute einbezogen werden, die noch nicht zu diesen Kreisen gehören? Man könnte auch fragen, bis zu welchem Grad die Politik und Logistik von Kunsträumen in Beirut zu den gegenwärtigen Formen beigetragen haben, in denen Kunstwerke geschaffen werden. Ist z.B. Video in Beirut deshalb so verbreitet, weil es so flexibel und leicht zu transportieren ist?

Andererseits hat das Fehlen von Räumen den Kunstorganisationen erlaubt, wendig und anpassungsfähig zu sein. Solche Gruppen wie Ashkal Alwan, die Arab Image Foundation und 98 Wochen können politische Instabilität leichter überstehen, weil ihr Programm von einem Ort zum anderen, von einem Termin auf einen anderen, verlagert werden kann. Ohne die Last eines öffentlichen Veranstaltungsprogramms und hoher Unterhaltungskosten konnten sie ihre Ressourcen in die aktuelle Arbeit von Künstlern einfließen lassen. Das kann letztendlich wertvoller als Räumlichkeiten sein. Und sie waren auch in der Lage, der Zensur (die im Libanon willkürlich angewandt wird) auszuweichen, weil sie niemals das Risiko eingehen, dass Räume geschlossen werden (eine Sorge, die z.B. für Townhouse in Kairo zu einer potenziellen Beschränkung geworden ist). Und letztendlich hat das Fehlen von Räumen die Kunstorganisationen gezwungen, temporäre Lokalitäten zu entdecken und zu nutzen wie verlassene Gebäude (etwa das der Abro Abroyan Fabrik in Bourj Hammoud) und den öffentlichen Raum (die frühen Projekte von Ashkal Alwan auf beliebten Straßen und in öffentlichen Gartenanlagen oder die von der Arab Image Foundation in der Altstadt von Saida gezeigte Open-Air-Ausstellung des Schaffens von Hashem el-Madani). Da sie nicht an eigene Räume gebunden sind, haben Kunstorganisationen in Beirut ihre Arbeit oft mit der Stadt selbst verwoben und das Publikum mit sich auf die Straßen gebracht.


Kaelen Wilson-Goldie
Autorin, lebt in Beirut. Redaktionelle Mitarbeiterin von Bidoun; schreibt u.a. für The Daily Star, Artforum, Frieze.


(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)


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Im Auftrag des Nafas Kunstmagazins und der Tate ist dieser Artikel eine Reaktion auf Themen des Symposiums "Contemporary Art in the Middle East: A Two Day Conference at Tate Britain and Tate Modern" im Januar 2009 in London. Gefördert vom World Collections Fund.

 

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Siehe auch:

Zeitgenössische Kunst im Nahen Osten
Symposium, veranstaltet von der Tate und dem International Curators Forum, in Kooperation mit dem Nafas Kunstmagazin, 22. - 23. Januar 2009.

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