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Chedly Belkhamsa

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Niemals Angst! Aber vor wem?
Von Mohamed Ben Soltane |  März 2011

Es ist schwierig, über die gegenwärtige Situation in Tunesien zu schreiben, während wir uns noch mitten in den Ereignissen befinden. Jeder weiß, dass der Diktator zwar weg, das diktatorische Regime geblieben ist. Dieses Regime hofft immer noch auf eine Wiedergeburt, wozu es bestimmte Aktionen entwickelt, um das Land zu destabilisieren, Angst zu verbreiten und Chaos zu schaffen.

Die Komplexität der Situation, mit der wir es zu tun haben, resultiert aus dem folgenden Problem: Wie kann man alle von der Notwendigkeit überzeugen, sich an die Grundsätze der Verfassung zu halten, wenn der Ursprung der Revolution außerhalb dieses legalen Rahmens liegt?

Nach heroischen Akten der Solidarität, Mündigkeit und Weitblick fielen viele Tunesier in alte Gewohnheiten zurück, die wir vom abgesetzten Regime Ben Alis ererbt haben: Selbstsucht, Missachtung der Gesetze und der Menschen, Diktatur von Gedanken...

Unter dem Regime von Ben Ali standen die Privilegierten über dem Gesetz. Heutzutage wollen Tausende Tunesier privilegiert sein! Hinter dem Ruf "Das Volk will, das Volk fordert..." stehen mehr und mehr individuelle Interessen und opportunistische Haltungen! Der tunesische Künstler und Karikaturist Chedly Belkhamsa spricht von einer Diktatur des Volkes, die an die Stelle der Diktatur des Polizeistaates getreten ist.

Wir erleben eine schwerwiegende Legitimationskrise. Die Hierarchie wird nicht länger respektiert. Die "Dégage Attitude" (Scher-dich-weg-Haltung) hat ein nicht zu tolerierendes Ausmaß erreicht: heute kann es sich jeder Bürger ohne triftigen Grund leisten, einem Minister der Republik zu sagen: Scher dich weg!

In diesem Tumult vergessen wir oft das Wesentliche: eine notwendige Änderung der Mentalitäten als Voraussetzung der demokratischen Entwicklung. Wir beherrschen das ABC des Verhaltens als Bürger nicht, weil uns das alte Regime nicht als Bürger behandelt hat. Der Weg zum Dasein als Bürger ist lang und schwierig. Wir müssen lernen zusammenzuleben, trotz all unserer Unterschiede, seien diese politisch, religiös, kleidungsmäßig oder sonst wie, und einander über alle Unterschiede hinweg zu respektieren.

Wir haben von unserem Land Besitz ergriffen und wir müssen ein Modell des Zusammenlebens aufbauen, das unseren Erfordernissen entspricht. Das ist Kultur. Wir müssen das Vertrauen in unsere kreativen Fähigkeiten wiedergewinnen und unsere Verantwortung wahrnehmen.

Die Herausforderung, der wir uns zu stellen haben, besteht darin, dass wir eine Leistungsgesellschaft anstreben und uns gegen eine Diktatur des Volkes wehren müssen, die am Horizont aufzieht. Das alte System basierte auf "Mediokratie", was unsere Gesellschaft untergraben hat. Das hat die größten Geister unseres Landes dorthin vertrieben, wo man ihren Wert anerkennt. "Mediokratie" durch Meritokratie [Leistungsgesellschaft] zu ersetzen ist einer der Kämpfe, die wir erfolgreich austragen müssen.

Man betrachte nur das Beispiel der Bildung. Die tunesische Universität diente lange dazu, später ohnehin arbeitslose Jugendliche eine Weile zu beschäftigen. Aber es geht nicht darum, einen Abschluss zu haben; was wirklich zählt, ist dass dieser Abschluss den Leuten einen Job ermöglicht!

Die tunesische Politik des alten Regimes verließ sich auf Zahlen; sie füllte die Universitäten in dem Wissen, dass die Absolventen keine Arbeit bekommen würden. Die beeindruckende Zahl der Absolventen - Designer, Anwälte, etc. - hat diese Arbeitsbereiche zerstört. Es gibt in Tunesien zwanzig Kunstschulen mit Zehntausenden Studenten bei einer Gesamtbevölkerung von nur 11 Millionen! Das ist lächerlich. Diese Politik hat die Revolution nur verzögert.

Wie wäre diese Situation zu bewältigen?

Die tunesische Revolution ist eine Revolution der Würde. Und Würde ist das Recht, einen Job zu haben, sie gibt einem aber nicht das Recht, eine Promotion als Doktor zu fordern! Eine Promotion muss man sich verdienen! Wird es eines Tages Studenten geben, die dafür demonstrieren, dass man ihnen eine Promotion gibt oder den Titel eines Künstlers verleiht. Das wäre keine Würde, sondern Ignoranz!

Diejenigen, die Tunesien regieren, müssen alle Verhältnisse in Betracht ziehen. Da es so scheint, als wenn das Volk das Land regieren wird, müssen wir den Mut haben, das Volk zu kritisieren, wenn wir sehen, dass es sich irrt. Ich finde, die Intellektuellen, Künstler, Organisationen etc. nehmen ihre Verantwortung nicht richtig wahr.

Eine der Losungen der Revolution war: Wir werden uns niemals fürchten. Es ist höchste Zeit, dass u.a. Politiker, Intellektuelle und Künstler sie gegen jegliche Form von Diktatur umsetzen, selbst wenn es sich um eine Diktatur des Volkes handelt.

3. März 2011


Mohamed Ben Soltane
Künstler und künstlerischer Leiter des B'chira Kunstzentrums in Tunis.


(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

© Karikatur: Chedly Belkhamsa


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Mohamed Ben Soltane
* 1977 Sidi Bou Saïd, Tunesien.
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